Von Anhängern der diversen „alternativmedizinischen“ Methoden wird der „Schulmedizin“, also der wissenschaftlichen Medizin, gerne vorgeworfen, sie sei neuen und alternativen Methoden gegenüber intolerant und wenig offen. Wie diese Argumentation oft abläuft, möchte ich am Beispiel der Homöopathie zeigen, sie wird aber auf gleiche Weise auch von Anhängern anderer Spielarten der sogenannten „Alternativmedizin“ angewendet.
Selbst der überzeugteste Homöopath wird zugeben müssen, dass die Homöopathie offensichtlich ungeeignet ist, um zum Beispiel ein gebrochenes Bein zu behandeln. Daher ist es für ihn leicht, zu sagen: Ich gebe zu, dass die Schulmedizin in gewissen Fällen der Homöopathie überlegen ist und daher eine Daseinsberechtigung hat. Jetzt müsst ihr Schulmediziner aber auch zugeben, dass die Homöopathie in anderen Fällen der Schulmedizin überlegen ist und daher ebenfalls eine Daseinsberechtigung hat!
Da die Schulmediziner sich in aller Regel weigern, auf diesen Kompromiss einzugehen, hat der Homöopath einen „Beweis“, dass die Schulmedizin nicht kompromissbereit und alternativen Methoden gegenüber arrogant und intolerant ist.
Der Homöopath kann sogar einen Schritt weiter gehen und eine (vermeintlich) neutrale Position in der „Mitte“ einnehmen, indem er sagt: Ich finde es von beiden Seiten nicht gut, dass immer behauptet wird, die einzig wahre Methode zu sein. Warum muss es immer in einen Glaubenskrieg ausarten? Wenn man die andere Seite als gleichberechtigt anerkennen und zusammenarbeiten würde, könnte man viel mehr erreichen!
So gelingt es den Homöopathen leicht, das Publikum auf seine Seite zu ziehen; ist er doch durchaus zu weitgehenden Kompromissen bereit, während die Gegenseite eisern auf ihrer Position verharrt.
Doch bei genauerer Betrachtung wird klar, dass ein Kompromiss, bei dem man sich in der Mitte trifft, längst nicht immer die beste Lösung darstellt. Wenn es um politische Meinungen geht, mag es oftmals eine gute Idee sein; aber wenn sich die Frage stellt, ob die Summe aus eins und zwei, drei oder doch eher sieben ergibt, so erhält man nicht das beste Ergebnis, indem man sich einfach auf fünf einigt.
Auch wenn ein Vertreter der Flat Earth Society auf mich zukäme und meinte: Gut, ich gebe zu, dass die Erde montags bis freitags eine Kugel ist, aber dafür musst du zugeben, dass sie am Wochenende eine Scheibe ist!, würde ich diesen Kompromiss nicht eingehen, selbst dann nicht, wenn es mir gelänge, ihn auf jeden dritten Donnerstag im Monat herunterzuhandeln. Denn es kann leicht nachgewiesen werden, dass die Hypothese, die Erde sei eine Scheibe, unzutreffend ist, auch am Wochenende und auch am dritten Donnerstag eines jeden Monats. Die Ansicht der Flat Earth Society ist demnach wiederlegt, also schlichtweg falsch, sodass ein Kompromiss an dieser Stelle wenig sinnvoll wäre.
Verhält es sich mit der Homöopathie ähnlich? Man könnte nun einfach feststellen, dass die Ansichten der Homöopathie ebenfalls widerlegt und daher falsch sind. Dieser Meinung bin ich auch tatsächlich, nur dürfte diese Ansicht von den Homöopathen nicht geteilt werden. Daher lohnt es sich meiner Meinung nach, genauer auf die systematischen Unterschiede zwischen Homöopathie und wissenschaftlicher Medizin einzugehen.
Die Homöopathie geht von einigen Grundannahmen aus, wie dem Ähnlichkeitsprinzip und der Potenzierung, die vor über 200 Jahren von Samuel Hahnemann erdacht wurden. Diese Grundprinzipien werden im Allgemeinen als unumstößlich betrachtet, eine Überprüfung und ggf. Widerlegung ist prinzipiell nicht vorgesehen. Wie auch, sind es doch diese Prinzipien, die die Homöopathie ausmachen; ohne sie wäre es keine Homöopathie. Und so beschränkt sich die homöopathische „Forschung“ hauptsächlich auf das (Er-)Finden neuer Mittelchen, natürlich im Rahmen der ebenfalls von Hahnemann ersonnenen „Arzneimittelprüfung“.
Zwar sind im Laufe der Zeit diverse Varianten der Homöopathie entstanden, die sich teilweise gegenseitig ebenso widersprechen wie der klassischen Homöopathie nach Hahnemann, aber auch hier gibt es vom jeweiligen Erfinder erdachte Grundprinzipien, die sich zwar mehr oder weniger von denen Hahnemanns unterscheiden, aber im Rahmen der jeweiligen Homöopathie-Variante als ebenso unumstößlich gelten. Und vergleichbare Grundprinzipien gibt es auch in anderen alternativmedizinischen Methoden, entweder vom Erfinder der jeweiligen Methode praktischerweise miterfunden oder aus „altem Wissen“ überliefert.
In der wissenschaftlichen Medizin hingegen werden Therapien nicht einfach danach bewertet, wie gut sie mit irgendwelchen von einem Guru, äh, kreativen Menschen irgendwann einmal erfundenen Regeln und Grundsätzen übereinstimmen, sondern nach ihrer Wirksamkeit, die zum Beispiel mittels geeigneter Studien untersucht wird. Stellt sich dabei heraus, dass eine neue Therapie in bestimmten Fällen besser ist als die bisher verwendeten, wird sie akzeptiert, selbst wenn sie den bisherigen Theorien widerspricht. (Ich will nicht abstreiten, dass dabei durchaus gelegentlich Fehler passieren, teils sogar aus Absicht, vor allem aber wohl aus Unachtsamkeit, wie überall, wo Menschen arbeiten. Im Idealfall läuft es jedoch so ab wie beschrieben.)
Auch die Methoden der sogenannten „Alternativmedizin“ würden seitens der wissenschaftlichen Medizin anerkannt werden, wenn es ihnen nur gelänge, ihre Wirksamkeit nachzuweisen (wobei „meiner Tante hat es damals auch geholfen“ selbstverständlich nicht als Nachweis der Wirksamkeit zählt). Nur hier liegt das Problem der „alternativen“ Methoden: Zur Homöopathie zum Beispiel wurden im Laufe der Zeit bereits zahlreiche Studien durchgeführt, doch es ist bis heute nicht gelungen, eine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung nachzuweisen.
Im Gegenteil: Es deutet alles darauf hin, dass homöopathische Mittelchen kein bisschen besser wirken als Placebos. Grund für die fehlende wissenschaftliche Anerkennung der Homöopathie ist also nicht etwa die Intoleranz der „bösen Schulmedizin“ alternativen Heilmethoden gegenüber, sondern deren konsequentes Versagen, einen wissenschaftlich akzeptablen Nachweis ihrer Wirksamkeit zu liefern.
Es stellt sich daher die Frage, wer tatsächlich toleranter ist: Die „Schulmedizin“, die die „alternativmedizinischen“ Therapien nicht nur als gleichberechtigt, sondern gegebenenfalls sogar als den bisherigen Therapien überlegen anerkennen würde, und dafür nicht einmal einen Kuhhandel im Sinne von „wenn du an meins glaubst, glaub ich auch an deins“ verlangt, sondern nur einen Nachweis, dass die Behauptungen auch zutreffen? Oder die „Alternativmedizin“, die von ihrem Guru, äh, Gründer aufgestellte und/oder aus „altem Wissen“ stammende Behauptungen als einzig wahre Wahrheit betrachtet?
Zumindest für mich ist die Antwort eindeutig.